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Stand: 08.09.2016

Pressemitteilung

Umgang mit Grenzen ist im Ehrenamt wichtig

DiskussionZiehen ein Fazit der Fortbildung für Ehrenamtliche: Leiter Bruno Kühn vom Caritas-Zentrum Landau, Teilnehmerin Anna-Lena Frank und Caritas-Mitarbeiterin Alexandra Grünstäudl-Philippi. Christine Kraus

Die Praxis zeigt: Es kommt nicht immer darauf an, möglichst viele ehrenamtliche Helfer für die Flüchtlingshilfe zu gewinnen, sondern darauf, sie für ihr freiwilliges Engagement gut zu schulen und auch dann für sie da zu sein, wenn sie an ihre Grenzen stoßen und  Unterstützung brauchen. Das hat das Caritas-Zentrum Landau schon vor über einem Jahr erkannt und die Ehrenamtlichen, die sich für die Belange Geflüchteter einsetzen, in der Landauer Orientierungs- und Schulungsreihe (LOS) auf ihr Engagement vorbereitet. 

Inzwischen ist mit Alexandra Grünstäudl-Philippi eine hauptamtliche Mitarbeiterin im Caritas-Zentrum Landau ausschließlich für die Betreuung der Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe zuständig. Als Folge der LOS bietet das Caritas-Zentrum Landau weiterhin Fortbildungstage für ihre Ehrenamtlichen an. „Das hatten sich die Teilnehmer der LOS ausdrücklich gewünscht“, sagt Bruno Kühn, Leiter des Caritas-Zentrums. Am Samstag, 3. September, trafen sich 15 Ehrenamtliche zu der ganztägigen Veranstaltung „Das Ehrenamt und seine Grenzen“  mit Professor Jörg Fengler vom Fengler Institut für angewandte Psychologie in Köln.

Anna-Lena Frank (28) war eine der Teilnehmerinnen der Fortbildung. Die Diplom-Pädagogin betreut seit einigen Monaten eine Familie aus Afghanistan: Vater, Mutter, zwei Kinder, ein drittes ist unterwegs. Eine Aufgabe, die ihr sehr viel Freude macht, sie aber auch an ihre Grenzen bringt. „Ich bin sehr nachdenklich geworden, als die Mutter mir sagte: ‚Wenn du nicht arbeitest, kommst du zu uns‘“, erzählt sie. Zum einen merkte sie, dass diese Aufgabe auf Dauer mehr ihrer Zeit in Anspruch nehmen würde, als sie geben konnte. Zum anderen aber wurde ihr durch diesen Satz bewusst, wie abhängig die Familie von ihr geworden war. Doch wo sollte sie anfangen, Grenzen zu ziehen?

Das war eine Frage, die Anna-Lena Frank am Anfang des Fortbildungstages auf einem Blatt Papier festhielt. Auch die anderen Teilnehmer notierten, wo sie ihre Grenzen sehen. „Mich hat die Grenzerfahrung eines Teilnehmers besonders beeindruckt, er sagte:  nicht die Aufgabe belastet, sondern das Gewissen“, erzählt Kühn. „Der Teilnehmer zweifelte an seinen Fähigkeiten, fragte sich, warum es ihm nicht gelingt, so zu helfen wie es nötig sei.“ Der Umgang mit Grenzen sei für jeden Menschen wichtig. Im Ehrenamt sei das ganz besonders schwierig, weil man sich in seiner Freizeit einem Aufgabengebiet widme, das immens groß sei, erklärt Grünstäudl-Philippi. 

Referent Fengler ging im Laufe des Tages immer wieder konkret auf diese Fragen ein. Die Fragen wurden Gegenstand von Gruppenarbeiten, im Plenum diskutiert oder in Einzelgesprächen nach Lösungen gesucht.  „Dazu kamen praktische Übungen und arbeits- und diskussionsintensive Pausen“, sagt Kühn. Sie habe gespürt, dass ihre Probleme ernst genommen wurden, dass man ihr zugehört habe und vor allem, dass es andere gibt, die ähnliche Probleme haben, berichtet Anna-Lena Frank. Sie hat auch ganz konkrete Tipps bekommen. „Wenn ich künftig zu der Familie gehe, sage ich: ich habe jetzt zwei Stunden Zeit für Euch, was möchtet ihr tun? Oder ich sage gleich, dass ich nur kurz vorbeikomme“.  So bekomme die Familie das Gefühl mitentscheiden zu können, sie selbst bestimme aber die Zeit, in der das geschehe. „Das ist besser, als ihnen vorzuwerfen: ihr wollt zu viel meiner Zeit“. Eine Hausaufgabe hat sie von Professor Fengler auch bekommen. In Zukunft soll sie genau darauf achten, wie sie sich nach einem Tag fühlt, in dem sie ihre ganze Freizeit mit der Familie verbringt, und wie es ihr an einem Tag geht, an dem sie auch einen Teil ihrer Freizeit für sich genutzt hat. Am Ende des Tages bekamen Anna-Lena Frank und die anderen Teilnehmer von Professor Fengler eine schriftliche Antwort auf die Fragen, die sie am Morgen gestellt hatten: etwas ganz Konkretes also zum mit nach Hause nehmen.

Auch für Alexandra Grünstäudl-Philippi war dieser Fortbildungstag sehr aufschlussreich. „Ich habe sehr viel über die Ehrenamtlichen erfahren, was ich noch nicht wusste. Und ich habe gemerkt, dass es Probleme gibt, die ich nicht kenne und um die ich mich in Zukunft kümmern werde und auch, dass es manchmal in Gruppen von Ehrenamtlichen gar nicht so gut läuft, wie es scheint“, sagt sie. 

Außerdem sahen sie und Kühn sich darin bestätigt, wie wichtig es ist, Ehrenamtliche intensiv zu begleiten. „Ich habe Generationen von Ehrenamtlichen erlebt, die sich unheimlich engagiert haben, aber viel zu viele haben irgendwann einfach aufgegeben, weil sie resignierten oder nicht mehr weiter kamen“, so Kühn.   Es sei sinnvoll, sich weiter in kleinen Gruppen um die Ehrenamtlichen zu kümmern, so wie in dieser Fortbildung. Massenfortbildungen seien nicht so erfolgreich. Außerdem müsse es Kontinuität geben. „Dieses Seminar war vielleicht nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber das Zischen, das der Tropfen dabei auslöst, bewirkt etwas“, davon ist Kühn überzeugt.

Das Thema für die nächste Fortbildung steht schon fest:  „Interkulturelle Kompetenz – eine Frage der Haltung“.

Info
Caritas-Zentrum Landau
Alexandra Grünstäudl-Philippi
Caritas-Ehrenamt in der Flüchtlingsarbeit
Förderung durch Begleitung und Schulung
Königstraße 39/41
76829 Landau
Telefon 06341 9355-0
E-Mail: alexandra.gruenstäudl-philippi@caritas-speyer.de  

Caritasverband für die Diözese Speyer
Text und Foto: Christine Kraus 

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